Wenns doch Mode würde zu verblöden!
Kabarett hilf! Hartz 4, gähnend leere Staatskassen oder auch das allgegenwärtige Verdummungs-Fernsehen, um nur einige Beispiele zu nennen, bringen den Gesellschaftstanker in immer brenzligeres Fahrwasser. Mit einem Abend geballter Lyrik von Erich Kästner stellt sich das Kabarett Kneifzange der Herausforderung und lässt in einem von selbsternannten 'Comedians verseuchten Genre eine seltene gewordene Spezies auf sein Publikum los: Geist.
Wie Alexander Wikarski da so auf der Bühne steht und die wohlgeformten Kästner-Sätze heraussprudeln lässt, ist schon ein Ereignis. Von betont expressiv, über verspielt-verschmitzt bis melancholisch-nachdenklich präsentiert der Schauspieler die Texte in einer abwechslungsreichen Bandbreite.
Seine souveräne One-Man-Show ist nur so gespickt mit originellen Gedichten, die er mit beachtlicher Leichtigkeit darbietet. Langjährige Schauspielerfahrung trifft auf textliche Brillianz. Die Texte des 1974 verstorbenen Autors haben nichts an Aktualität eingebüßt. Sätze wie "Einsam bist du sehr alleine. Am Schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit. sind fast zu schade, als dass sie in der Menge des Gesagten so hinweg huschen.
Dazwischen blitzt immer mal wieder Zeitkritik zu aktuellen Vorgängen auf. "Nur 46.000 Berliner müssen bei Günther Jauch eine Million gewinnen und dann alles der Stadt schenken, damit der Schuldenberg des Berliner Haushaltes verschwindet. Anschaulicher kann man die ausweglose Lage des Berliner Senates wohl kaum darstellen.
Kein Kabarett ohne Klavier - das gilt auch hier. Zu dem Piano (Jörg Straßburger) gesellt sich bei den Liedern ein Saxophon (Axel Glenn Müller). Beide zusammen intonieren sie die Kompositionen von Christoph Wagner und Henry Krtschil, denen eine sehr hübsche Musik zu Kästners Gedichten eingefallen ist. Fast zu schnell sind auch diese Melodien wieder verklungen.
Auf Hintergrundinfos zu den Texten oder Kästners Leben wird gänzlich verzichtet. Das Werk steht für sich. Selbst der Titel eines Gedichts wird in den seltensten Fällen genannt. Das führt dazu, dass in der raschen Abfolge die Vortragsstücke hin und wieder ineinander zu verlaufen drohen. Völlig abrupt hingegen endet es schließlich. "Und damit ist die Vorstellung zu Ende, sagt Alexander Wikarski und tritt ab. Mit was für einem Tempo sind die letzten zwei Stunden verflogen?!
"Einen Kästner haben Sie doch wohl noch, oder?, fragt ein begeisterter Zuschauer bittend in der ersten Reihe nach dem ersten Schlussapplaus. Und ob er den hat! Lächelnd beginnt er den Zugabenteil. Denn spätestens nach dieser Frage weiß er, dass sein Abend gegen die allgemeine Verflachung zumindest bei einem Zuschauer ein voller Erfolg gewesen ist. Geist kann eben
auch ein wenig süchtig machen.
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