Titelbild
Titelbild
Titelbild
 
 

Angelika Mann will keine Schokolade

Stimmt eine Frau den Song "Mein liebes Tagebuch" an, erwartet man intimste Geständnisse oder wenigstens eine ultimative Liebeshymne, nicht aber die Verklärung des Angebeteten in Versen, die stets eine Spur daneben liegen, wie etwa "In meiner Brandung sollst du die Qualle sein". Schwärmerische Rührung hält sich da in sehr engen Grenzen. Doch wenn Angelika Mann Schlager von Trude Herr singt, bleibt eben vor lauter Lachtränen kein Auge trocken.
 
Eigentlich hatte die Volksschauspielerin Trude Herr (1927-1991) immer von einer großen Karriere als Tragödin geträumt. Berühmt wurde die vollschlanke Diseuse aber mit dem Schlager "Ich will keine Schokolade". Der ist nun Programm im Kabarett Kneifzange. Wolfgang Rumpf hat die von Wolfgang Seppelt ausgeheckte Hommage an Trude Herr inszeniert und erstklassig besetzt: Neben Publikumsliebling Angelika "Lütte" Mann schlüpft der nicht minder populäre Achim Mentzel in die Rolle von Bill Ramsey, einst Bühnenpartner der unvergessenen Trude Herr. Ein echtes Traumpaar, dass sich musikalisch unterstützt von Pianist Manfred Rupp und Saxophonist Axel Glenn Müller durch einen ganzen Fundus von satirischen Schlagern singt, kräht, greint und albert.
 
Aber es sind nicht nur Evergreens wie "In der Spelunke Zur alten Unke", "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett" oder "Café Oriental", die ein Bild der unangepassten Trude Herr zeichnen, die selbst als erfolgreicher Film- und Plattenstar immer nur einen Schritt vom Abgrund entfernt zu sein schien. So endet die Erinnerung an eine Legende der Nachkriegsunterhaltung melancholisch mit dem letzten Hit der Trude Herr: "Niemals geht man so ganz".
 
Ulrike Borowczyk
Berliner Morgenpost vom 13. Mai 2008
zurück
sponsored by